In alter Zeit gab es verschiedene Mühlen, um Getreide zu mahlen. Es gab auch Tabak-, Schleif- und Gerbermühlen. Diese wurden von Menschen oder Tieren, aber auch von Wind oder Wasser angetrieben. In Langendiebach und Rückingen gab es früher einige sogenannte Wassermühlen, die allesamt unterschlägige Mühlen gewesen sind. Diese Mühlen standen am Fluss oder an Bachläufen. Die Mühlräder wurden durch den Wasserfluss angetrieben.
In Langendiebach und Rückingen wurden die folgenden Mühlen betrieben:

Die Obermühle in Langendiebach
Die Untermühle in Langendiebach
Scheind's Schleifmühle in Langendiebach
Die Rückinger Mühle

Die Obermühle in Langendiebach

Zwischen Langendiebach und Ravolzhausen, am Fallbach oder am Landwehrbach, stand die Obermühle. So schrieben Helmut und Wilhelmine Heckmann in ihrem 1985 erschienenen Buch „Aus der Geschichte der Kirchengemeinde Langendiebach“. In einer Urkunde vom 16. April 1338 ist zu lesen, dass beim Übergang des Patronats der Pfarrei Langendiebach an das Kloster Eberbach „von dem halben Acker Wiesen neben der Obermühle 15 Pfd Wachs als Abgabe an die Langendiebacher Kirche“ zu leisten war. Die Sage über die Zerstörung dieser Obermühle ist hier nachzulesen.

Die Untermühle in Langendiebach

Untermühle in Langendiebach

Die Untermühle, an einem vom Fallbach abgeleiteten Graben, ist heute noch zu sehen. Das Jahr der Erbauung ist nicht mehr bekannt. Die Bezeichnung „Unter“-Mühle lässt vermuten, dass es auch eine „Ober“-Mühle gegeben haben muss. 1584 wird erstmals ein Müller namens Hannß Happ auf der Untermühle bekannt, weil dieser sich über die Abgabenbelastung der „geringen Mulln“ beschwerte. Die Schwiegereltern von H. Happ haben die Mühle bis ins hohe Alter besessen.

Untermühle in Langendiebach im Winter 2006

1593 wird der Müller Conradt für drei Jahre auf der Mühle erwähnt, 1599 ein Müller Balthasar Schenk und 1601 ein Hans Has. Über das Schicksal der Mühle im dreißigjährigen Krieg ist nichts bekannt. 1652 übernahm der Müller Johannes Ehrlicher die Mühle, die er im Tausch von Grundstücken von Peter Kißling erworben hatte. In den 1680er Jahren wird ein Johann Christoph Fabrici als Eigentümer der Mühle erwähnt. Vermutlich hat er sie nicht selbst betrieben. Pächter um 1690 war Johannes Böppler aus Freiensteinau. Die Witwe des J. C. Fabrici, Frau Philippina Elisabeth Fabricin von Westerfeldt, trat die Mühle am 5. 10. 1700 an den Grafen Wilhelm Moritz von Isenburg für 1200 Gulden ab. Das Haus Isenburg verpachtete die Mühle für 6 weitere Jahre an den vorher erwähnten Müller Böppler. Am 1.4.1704 ist die erbliche Verleihung und Übergabe der Mühle an Böppler zu verzeichnen.

Untermühle in Langendiebach im Winter 2006

An jährliche Abgaben hatte z.B. der Müller Böppler zu leisten:

•an die Herrschaft “30 Achtel Korn“
•an die Reformierte Schule in Hanau “1 Achtel Korn“
•an den Amtmann oder Schultheiß von Langendiebach “1 Achtel Korn und 22 ½ alb an gelt“
•an die Pfarrei in Langendiebach “2 Achtel Korn und 7 ½ alb an gelt“
•an das Kloster Meerholz “1 Achtel Korn“
•an die Schäferei Rüdingheim “½ alb Achtel Korn und 1 fl 5 alb“
•an das Engelthaler Kloster “2 Sechter Korn“

Villa Barth an der Untermühle in Langendiebach

Gleichzeitig mit der Vererbleihung wurde auch die Bannpflicht für die Untermühle und die Blinkenmühle (Ravolzhausen) neu geregelt. Ein Viertel der Bewohner von Langendiebach und von Ravolzhausen kamen jeweils im Wechsel zur Untermühle. Die anderen drei Viertel zur Blinkenmühle. Von der Gemeinde Langendiebach wurde 1745 die Auffassung vertreten, dass die Mühle erst mit dem Verkauf an das Haus Isenburg 1700/1704, eine herrschaftliche Mühle wurde. 1711 veräußerte Böppler die Mühle an seinen Tochtermann Caspar Hanßen von Bruchköbel für 1.000 Gulden. Dieser wiederum überließ sie 1742 seinem Tochtermann Conrad Ditter aus Schlüchtern. Der Wert der Mühle war damals mit 1.600 Gulden veranschlagt. Als Entschädigung für die 1852 abgelöste Wasserpacht, hatte der Müller Ditter einen Betrag von 3.179 ftp 45 kr zu zahlen.

Untermühle in Langendiebach im Sommer 2010

In der Zeit vom 1.3.1837 bis 1.3.1838 ist die Untermühle von 225 Mahlgästen aufgesucht worden. Gemahlen wurde in diesem Zeitraum an Weizen: 1.034 Achtel und 1 Simmer (1 Simmer entspricht 27 Litern), an Korn (Roggen): 3.959 Achtel und 2 Simmern. An Schrotmengen sind genannt: Gerste 1.115 Achtel 3 Simmern, Hafer 42 Achtel und Wicken 108 Achtel.

Die Untermühle ist seit 1951 stillgelegt. Bis heute ist das Anwesen (auch durch Einheirat) in den Händen der Müllerfamilie Ditter, heute Kirchner, geblieben.

Scheind's Schleifmühle in Langendiebach

Eine weitere Mühle lag wahrscheinlich am Fallbach in unmittelbarer Ortsnähe, die so genannte “Scheind’s Schleifmühle“. 1610 beabsichtigte der Löher Johann Wentzell von Langendiebach eine Lohmühle zu errichten. Er wies in einem Schreiben an das Haus Ysenburg darauf hin, dass er sich bisher in seiner Arbeit notdürftig in der “Scheind’s” Schleifmühle beholfen habe. Diese Schleifmühle ist im Dreißigjährigen Krieg wohl zerstört worden. Ob die Lohmühle errichtet wurde, ist nicht bekannt.

1694 beabsichtigt ein Christoph Feuerstein, Zimmermann und Mühlenarzt aus Langendiebach, an einem “wüsten Mühlplatz zu Langendiebach“, wo schon vorher eine Mühle stand, eine Mahlmühle selbst zu fertigen. Zu vermuten ist, dass dieser Platz mit dem der ehemaligen “Scheind’s Mühle“ identisch ist. Noch in demselben Jahr hat Feuerstein von seinem Vorhaben Abstand genommen und in einem Schreiben dargelegt: “… wann aber solche aufzurichten, bei jetziger Theurer Zeit mich sehr viele kosten wirdt, auch wie bekanntlich, keine Mahlgäste dabei sind, sondern die frucht zu mahlen von anderen orthen muß herbeigeführt werden”. Er müsse deshalb noch ein Pferd halten. Da er sonst auch keine Güter hätte, sei eine Pacht von fünf Achtel Korn zu viel für ihn.

Die Rückinger Mühle

Mühle in Rückingen

Die Rückinger Mühle steht in unmittelbarer Nähe der alten Kinzigbrücke am Ortsausgang von Rückingen Richtung Rodenbach. Es soll bereits im 14. Jahrhundert an gleicher Stelle eine Mühle gestanden haben, aber Beweise gibt es keine. Es ist zu vermuten, dass der heutige Kinziglauf damals der künstlich angelegte Graben zur Mühle war. Der Zulauf des Wassers zur Mühle musste geregelt werden und so wurden Mühlen nicht direkt an einem Bach oder Flusslaus gebaut. Hochwasser und starke Strömung haben eine zerstörerische Wirkung, wenn sie ungelenkt auf das System der Mühle losgelassen werden. Eine Reihe von Angaben in den Verzeichnissen und Rechnungen über die „Rückingerischen Geld- und Fruchtgefälle“ befassen sich auch mit Mühlen, geben jedoch keinen eindeutigen Hinweis auf die Existenz der Rückinger Mühlen. Zweifel bestehen nicht, dass die Mühle zu Rückingen bereits zur 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts bestanden hat, möglicherweise schon im 14. Jahrhundert.

Bild der Mühle in Rückingen aus dem Jahre 1970

Eine eindeutige Erwähnung der Mühle findet sich 1667, als Johann von Fargel zu Rückingen, Chur-fürstlicher Brandenburgischer Obrist, dem Müller Hans Georg Krembß seine „allhier habende eigentümliche Mühle auf ein Jahr lang“ verliehen hatte. Dem Müller war für dieses Jahr eine Mühlenpacht von 51 Achtel“ (Achtel war ein altes Fruchtmaß-Gemäß dem Wetzlarer Maß entspricht ein Achtel 135 Litern Weizen) gut gesäubertes Korn auferlegt worden. Aus einem Schreiben des Mahlmüllers Lorentz Schnabels aus dem Jahre 1700 an Herrn Christian Eberhard von Kameytsky, Herr auf Rückingen, ergibt sich, dass dieser Müller bereits 6 jahre die Mühle betrieben und nunmehr – weil ein anderer an Pacht mehr geboten hatte – die Mühle verlassen sollte. Der Müller will nicht nur die Mühle wieder in Ordnung gebracht haben „sondern sie auch zu einer neuen Öl- und Hirsenmühle“ erweitert haben.

Wehr und Mühle in Rückingen im Jahre 1963

Aus 1716 liegt eine Nachricht über den schlechten Zustand der Mühle vor, besonders des Fundaments. Auf einem der alten Grabsteine an der Rückinger Kirche steht der Name Johann Peter Kolb, Mühlmeister, geb. 1731.

Mehrfach klagten die Gemeinden Niederrodenbach und Langendiebach über Überschwemmungen von Wiesen und Äckern in ihrem Gemeindegebiet, so Langendiebach 1723 und Niederrodenbach 1726 und 1727. Ursache war die Erhöhung des Rückinger Wehrd 1723.

Bild der Mühle in Rückingen aus dem Jahre 1988

Zu vermerken sind auch Schädigungen durch die Holzflößerei, die anscheinend sehr oft „bei jeder Flößerei“ an der Wehranlage und an den Wasserrädern auftraten (1786 waren 2 Wasserräder mit je 36 Schaufeln vorhanden). Eine Entscheidung zur Verminderung der Schäden erfolgte 1789, wonach die Flößungen nur noch bei mittelmäßigem Wasser erfolgen sollten.

Aus den zur Verfügung stehenden Quellen ist auch zu ersehen, dass bereits Ende des 18. Jahrhunderts der Fruchtmühle noch eine Tabakmühle angegliedert war.

Brand in der Rückinger Mühle im Juli 1959

Im Steuerkataster 1847/50 ist folgendes zur Mühle dargelegt: „sodann befindet sich am unteren Ende des Dorfes an der Kinzig eine unterschlägige Mühle mit 4 Gängen, von welchen aber nur 2 zum Fruchtmahlen eingerichtet sind, die beiden anderen dagegen zu Mahlen von Tabak für die Fabrik der Brüder Dorville zu Offenbach dienen“.

Frontansicht der Mühle in Rückingen im Jahre 2006

Jeweilige Neubauten sind aus 1791 sowie Ende des 19. Jahrhunderts bekannt. Der letztere erfolgt nach einem Brand vom 25. April 1877, bei dem sämtliche Gebäude der Mühle (außer den Stallungen und der Scheune) vernichtet wurden. Im Hanauer Anzeiger vom 26. April 1877 ist zu lesen: Am 25. April um 5 Uhr wurde die Mühle der Herren Schönmeyer und Baumann ein Raub der Flammen. Bei diesem Brand fand ein Rückinger Brandschützer den Tod, er stürzte in die Kinzig und ertrank unter dem Wasserrad.“ Ein weiterer Brand am 23.4.1953 wurde von den Feuerwehren aus Rückingen und Langendiebach, sowie der Fliegerhorstfeuerwehr gelöscht.

Brand in der Rückinger Mühle im Juli 1959

Ein Großbrand am 24.7.1959 zerstörte die Mühle und das Mahlgut. Alle Maschinen wurden vernichtet und die Turbine beschädigt. Nach diesem Brand wurde nicht wieder gemahlen.

Vom letzten Müller Otto Boog wurde unter anderem das Mehl Marke „Kinzigstolz“ hergestellt. Die Rückinger Mühle war eine Mahlmühle mit Kraft- und Arbeitsmaschinen. Hauptarbeitsmaschinen waren 4 Doppelwalzen und 3 einfache Walzen. 1920 gab es eine Francis Schachtturbine zur Stromerzeugung. Ab 1925 waren es zwei Schachtturbinen, die eine Leistung von 86 bzw. 87 PS erbrachten. Der nicht verbrauchte Strom wird heute noch in das Stromnetz eingespeist. Das große Mühlengebäude ist inzwischen verkauft, ads Wohnhaus mit dem Turbinenhaus ist noch im Besitz der Familie Boog (Tochter Sigrid Boog-Simon).

Zusammengestellt aus dem Buch "Zur Geschichte des Mühlenwesens im Main-Kinzig-Kreis" von Willi Klein, 2003 und dem Band 40 der Hanauer Geschichtsblätter "Zur Geschichte des Mühlenwesens im Main-Kinzig-Kreis"